Was ist Krankheit?

Heute erleben wir eine immer teurer werdende Spitzenmedizin auf der einen Seite und eine Zunahme der Krankheiten auf der anderen. Man muss sich ernsthaft fragen, wohin eine weitere Zuspitzung dieser Situation führen kann.

Wie groß muss der Druck noch werden, bis man erkennt, dass die moderne Auffassung der Medizin den aktuellen Gegebenheiten auf dem Sektor der Krankheiten nicht mehr genügt? Werfen wir zum besseren Verständnis der heutigen Medizin, die sich offenkundig in einer Sackgasse befindet, einen Blick zurück ins alte Griechenland.

Hippokrates und die Asklepiaden

Hippokrates, der um 400 vor Christus lebte, stammte aus der berühmten Sippe der Asklepiaden, die im antiken Griechenland Heilstätten errichteten, in denen die Kranken von Priestern mit Ritualen und Zaubergesängen behandelt und geheilt wurden. Obwohl sich Hippokrates mit der Sippe der Asklepiaden stark verbunden fühlte, brach er mit der alten Tradition der Priestermedizin. Er begann die Krankheiten in ihrem Verlauf zu studieren und löste sich von religiösen Bindungen. Aufgrund seiner Studien der Krankheitsverläufe entwarf er zur Behandlung entsprechende Kuren. Dadurch legte er die Grundlage für die wissenschaftliche Methode der Medizin, wie sie noch heute in weiten Teilen Gültigkeit beansprucht. Vielleicht ist der noch immer gültige Eid des Hippokrates, den alle Mediziner leisten, ein Hinweis darauf, dass sich die Schulmedizin in ihrem Verständnis von Krankheit seitdem kaum weiterentwickelt hat. Es gibt zwar gewisse Ansätze zu Fortschritten, denen aber Rückschritte auf anderen Gebieten gegenüberstehen.

Vergleichen wir einmal die Unterschiede zwischen der alten griechischen Medizin und der modernen Schulmedizin:

Die Heilverfahren der Priestermedizin bezogen den ganzen Menschen mit ein. Für die Priesterheiler war jede Krankheit mit einer Schuld verbunden. Erst durch eine gewisse Reue und eine Umkehr war der Weg zur Heilung möglich. Heute lächeln wir vielleicht darüber, aber ich meine, dass diese Ansicht über Krankheit gar nicht so falsch ist – jedenfalls nicht mehr falsch als der heutige Ansatz der Schulmedizin. Menschen mit einer erhöhten inneren Wachheit spüren sicherlich während der Behandlung durch einen einfühlsamen Arzt, dass ihre Krankheit irgendetwas mit ihrem Leben zu tun hat. Sie werden gewahr, dass sie nicht einfach so ohne Grund krank geworden sind. Um es gleich vorwegzunehmen, dieses Gefühl trifft den wahren Sachverhalt ziemlich genau.

Hippokrates hatte sich mit seinem neuen Ansatz, der nicht mehr den Gedanken der Schuld oder der Selbstverantwortung für die Gesundheit seines Körpers enthielt, von der Priestermedizin völlig abgewendet. Der entscheidende Vorstoß von Hippokrates lässt sich so auf den Punkt bringen: Nicht der Mensch wird behandelt, sondern nur seine Krankheit. So ist es im Grunde bis heute mehrheitlich geblieben. Unsere moderne Medizin behandelt Krankheiten statt Kranke. Damit ist im Konzept der damaligen Medizin und ihrer Behandlungsverfahren ein ganz wesentlicher Aspekt im Zeitraum von etwa 2000 Jahren auf der Strecke geblieben. Die Abkehr des Hippokrates von der Tradition der Priestermedizin ist auch gleichzeitig eine Abkehr vom „Kranksein“ hin zu den „Krankheiten“. Die moderne Medizin verwendet ihre Energie nahezu vollständig für die Diagnose und die Therapie von Krankheiten. Am eigentlichen Problem des „Krankseins“ forscht sie vorbei. Es wird also – von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen – nicht der kranke Mensch behandelt, sondern einzig und allein dessen Krankheit, die sich in Form von spezifischen Symptomen äußert. Die Symtome sehr vieler Krankheiten kann die heutige Medizin beseitigen – das bezeichnet sie als Therapie – das Kranksein an sich wird aber dabei in keiner Weise wahrgenommen. Das Unterdrücken von Symptomen gilt in unserer Medizin bereits als Therapieerfolg.

Von der Krankheit zum Kranksein

Es dürfte bereits klar geworden sein, dass es in einer künftigen Medizin um mehr gehen sollte als um die Beseitigung von Symptomen. Kranksein bedeutet, dass wir die natürliche Ordnung des gesunden Lebenszustandes verlassen haben und fordert uns durch die auftretenden Symptome mehr oder weniger deutlich auf,  in die Ordnung zurückzukehren. Die Symptome selbst sind nicht die Krankheit, aber ihre Signalwirkung kann uns – richtig gedeutet – aus dem Kranksein hinaushelfen. Indem die Schulmedizin Symptome beseitigt oder unterdrückt – ohne der tieferen Ursache des Krankseins auf den Grund zu gehen – macht sie den Menschen mit denselben oder mit neuen Symptomen auf sein nicht behandeltes Kranksein aufmerksam.

Der heutige Mensch macht  sich zwar immer mehr über seinen gesundheitlichen Zustand Gedanken, es geht jedoch darum zu erkennen, dass auf der Welt nichts ohne Sinn geschieht. So führt der Weg vom „Krank-sein“ zum „Heil-sein“ immer über die Sinnfrage nach der Ursache einer „Störung“. Gerade hier zeigt sich überdeutlich der wahre Irrsinn der modernen Medizin, die versucht, Krankheit rein funktional zu erklären und zu behandeln.

Angesichts der immer schnelleren Zunahme und Komplexität der Krankheiten muss man heute einsehen, dass Kranksein zum Schicksal des heutigen Menschen gehört. Aber nicht die Zunahme der kranken Menschen ist heute das Grundproblem, sondern der unangemessene und teilweise wohl auch hilflose Umgang mit dem Kranksein. Gemeint ist das mangelnde geistige Verständnis für die wahre Bedeutung von Kranksein für die Entwicklung des Menschen.

Kranksein als Entwicklungschance

Ein solches tieferes Verständnis von Kranksein kann aber nur gewonnen werden, wenn sich die Gebiete Medizin, Philosophie und Religion wieder verknüpfen und sich gegenseitig durchdringen. Dass wir dadurch, und nur dadurch, zu anderen Folgerungen über die Heilung von Krankheiten kommen, soll hier deutlich gemacht werden. Kranksein will den Menschen mit einer bisher von der Schulmedizin noch nicht akzeptierten Dimension der menschlichen Wirklichkeit vertraut machen ­– vielleicht mit Ausnahme der sogenannten Psychosomatik. Ohne ein gültiges Konzept des physischen, emotionalen und geistigen Menschen kann man nicht zu dieser Dimension vordringen. Diese spirituelle Dimension wird von der heutigen Medizin weder erkannt noch gewürdigt. Dadurch wird Kranksein als Chance für geistiges Wachstum völlig ignoriert und zu einer bloßen Funktionsstörung degradiert. Die Folge davon ist, dass es unter allen Umständen primär darum geht, Krankheiten zu verhindern – durch Prävention, etwa mittels Impfungen – oder sekundär einmal ausgebrochene Krankheiten möglichst rasch so lange zu behandeln, bis der Patient keine Krankheitssymptome mehr aufweist.

Bei der Heilung vom Kranksein geht es darum, dass der Patient mit dem Arzt seiner Wahl in einem Vertrauensverhältnis anders zusammenarbeitet als es heute geschieht. Arzt und Patient sind Partner auf dem Wachstumsprozess, der beide Personen einschließt. Die aktive Rolle des Patienten besteht darin, sein Kranksein zu akzeptieren und mit seiner Krankheit in Harmonie zu gehen, also Ja zu seinem Kranksein zu sagen. Das Akzeptieren des Krankseins war schon in der alten Priestermedizin der Anfang der Heilung, der Heil(ig)ung. Heute bedeutet dies, dass der Kranke erkennen soll, dass er selbst für sein Kranksein mitverantwortlich ist – wenigstens teilweise. Erst nach der Übernahme dieser Selbstverantwortung wird die Zusammenarbeit mit dem Arzt seines Vertrauens von Erfolg gekrönt sein.

Das Problem der Krankheitsvorsorge beziehungsweise der Krankheitsverhinderung ist nach dem eben Geschriebenem natürlich sehr tiefreichend. Da Kranksein, heute mehr denn je, zum Menschen dazugehört und ihm zur Weiterentwicklung verhelfen kann, sind Maßnahmen zur Verhütung von Krankheiten auf der rein chemisch-biologischen Ebene – wie etwa durch Impfungen – äußerst fragwürdig, um nicht zu sagen entwicklungsfeindlich. Es ist eine Gratwanderung zwischen echter Vorbeugung – zum Beispiel durch eine gesunde Ernährung oder eine ausgleichende Bewegung – und dem Annehmen einer Erkrankung als Möglichkeit zu innerem Wachstum. Jeder Mensch ist ganz individuell gefordert, diesen Entscheid für seine aktuelle Lebenssituation zu treffen.

Auch von Carl Gustav Jung, dem großen Arzt und Psychoanalytiker mit seinem weiten Bildungshorizont, ist eine ähnliche Erfahrung aus seiner Praxis bekannt. Er schrieb: „In praktisch jeder Psychotherapie, die nach einiger Zeit eine größere Tiefe erreicht, mündet das Gespräch in den Bereich des Numinosen, des Göttlich-Religiösen.“

Schließlich möchte ich noch die Aussage eines Regimentsarztes erwähnen. Wir waren in einem Jeep unterwegs und gelangten zu einem schlimmen Autounfall. Er bremste, stieg aus und leistete einem Schwerverletzten Erste Hilfe. Ich war sehr beeindruckt von seiner ruhigen und gelassenen Art und sagte ihm dies auch. Er erwiderte nur: „Ich habe mein Möglichstes für ihn getan. Ob er aber überlebt und jemals wieder ganz gesund sein wird, das entscheidet ein anderer.“ Dabei zeigte er zum Himmel.

Fazit

Wie sehr das Kranksein heute zum Menschen gehört, schildert der Internist Frank Nager in seinem Buch „Der heilkundige Dichter – Goethe und die Medizin“. Er schreibt darin, dass das ganze literarische und naturwissenschaftliche Werk dieses großen Dichters ohne seine Krankheiten nicht denkbar wäre. Eine solche Aussage sollte uns zu denken geben. Wieder einmal erweist sich Goethe als Lehrer und Vorbild auch im Umgang mit Krankheit.

Die Haltung, die wir gegenüber dem Kranksein anstreben sollten, könnte man auf folgenden Nenner bringen: „Man soll das eine tun und das andere nicht lassen.“ Will sagen: Sorge bestmöglich für deine Gesundheit, aber nimm das Kranksein dankbar als Entwicklungsgelegenheit an. Wenn Arzt und Patient gemeinsam die Ursache des Krankseins eruiert haben, ist eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen den beiden möglich. Der Patient erkennt sein Entwicklungsthema und kann daran arbeiten, der Arzt findet das geeignete Heilmittel. So ist es möglich, dass der Patient körperlich, seelisch und geistig gesundet.

Schlussbemerkungen

Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich betonen, dass ich weder einzelne Ärzte noch alle Schulmediziner angreifen will. Es ist absolut unbestritten, dass die modernen Methoden der Schulmedizin in vielen Fällen ausgezeichnete Hilfe leisten können und es wunderbare Ärzte, Naturärzte und Heilpraktiker gibt, die den oben erwähnten Therapieansatz verinnerlicht haben. Es geht mir bei den obigen Betrachtungen vielmehr darum, verständlich zu machen, dass heute ein neues, angemesseneres Verständnis von Kranksein gewonnen werden muss und zwar sowohl vonseiten der Medizin als auch vonseiten kranker Menschen.

Peter Lüpold

Artikel erschienen im IMPULS Magazin Nr. 6/17