Ist die Medizin eine Wissenschaft?

Ist die Medizin eine Wissenschaft?

Die Kritik, die ich in einem Gespräch an der medizinischen Wissenschaft geübt habe, wurde von einer vielseitig interessierten, begabten Universitätsdozentin der Biologie schriftlich gerügt. Dies bewog mich, den folgenden Artikel zu schreiben.

Nach 45 Jahren praktischer Tätigkeit als Arzt erlaube ich mir, die Meinung zu vertreten, dass die sogenannte medizinische Wissenschaft primär auf Erfahrung beruht. Was mit Wissenschaft oder Wissenschaftlichkeit bezeichnet wird, ist im Grunde genommen das Resultat von Theorien und Versuchen sowie von dem Summieren von Ergebnissen, wobei vorrangig mit statistisch messbaren Daten gearbeitet wird.

Wenn wir dem Geist-Seele-Körper-Wesen Mensch mit all seinen Facetten gerecht werden wollen, sind allerdings auch die nicht messbaren energetischen Einwirkungen auf unsere Gesundheit und unser Krankwerden – insbesondere aus unserem direkten Umfeld – zu berücksichtigen. Diesen wurde bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Hinzu kommt, dass uns die Pharmaindustrie mit ihren Studien glauben machen will, dass Medikamente das Allheilmittel für unsere Krankheiten sind. Dabei werden die allumfassenden Aspekte weitestgehend außen vor gelassen und statistische Erhebungen bezüglich der Wirksamkeit von Medikamenten häufig manipuliert – um die Gewinne zu steigern. Deshalb können Sie nie sicher sein, dass die Medikamente, die Ihr Arzt Ihnen verschreibt, überhaupt die richtigen sind beziehungsweise korrekt und angemessen getestet wurden.

Zur Pharmaindustrie

Beim Austesten von Arzneien geht Big Pharma in der Regel nicht gerade feinfühlig und verantwortungsvoll vor. Es scheint, als würde man dort nach der alten Weisheit verfahren: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“. Vor Kurzem wurde zum Beispiel ein Medikament der portugiesischen Firma Bial bei der klinischen Phase-1-Studie erst an Tieren, dann an Menschen getestet. Es sollte chronische Schmerzen lindern sowie bei Angststörungen und motorischen Problemen helfen. Bei der Testung wurden sechs Menschen schwerstbeschädigt, eine Person erklärte man für hirntot.

Daraufhin hat Bial substantielle Informationen zurückgehalten und versucht, diesbezügliche Geschehnisse zu vertuschen. Viele Fragen blieben unbeantwortet. Dazu Dr. Daniele Piomelli, Professor für Anatomie und Neurobiologie von der „Irving School of Medicine“ an der Universität von Kalifornien, gegenüber der Internetseite „Outsourcing Pharma“ im Jan. 2016: „Eine Person ist gestorben und andere wurden schwer verletzt. Dies ist eine Tragödie und wir dürfen dies nicht ignorieren. Als Wissenschaftler, der in diesem Bereich tätig ist, fühle ich mich verpflichtet, genau zu verstehen, was hier falschgelaufen ist. Ich fordere von dem Pharmakonzern Transparenz ein.“

Eine Expertenkommission wurde damit beauftragt, die Details zu untersuchen, darunter die Erhebungsmethodik und die statistische Relevanz der Testergebnisse. Doch weil diese Kommission auf eine gute Zusammenarbeit mit Bial angewiesen ist, bleibt abzuwarten, was aus diesem Fall wird.

Zu den Studien

Bei klinischen Studien geht es hauptsächlich darum, eine „statistische Signifikanz“ zu erreichen. Unpassende Messwerte werden oft zu wenig beachtet oder völlig ignoriert.

Was bedeutet statistische Signifikanz?

Die Beurteilung der Effizienz einer neuen Substanz erfolgt auf einer rein statistischen Grundlage. Man gibt einer Patientengruppe die zu testenden Substanzen (Verum-Gruppe) und einer Vergleichsgruppe (Placebo-Gruppe) gleich aussehende wirkstofffreie Präparate. Dann werden die Effekte bei den Verum-Patienten mit den Effekten bei den Placebo-Patienten verglichen und statistisch ausgewertet. Die Beurteilung von Erfolg oder Misserfolg hängt von der Signifikanz der Ergebnisse ab.

Dieser „Signifikanzlevel“ liegt normalerweise bei etwa fünf Prozent. Dies bedeutet, dass bei hundert vergleichbaren Studien höchstens fünf Studien zu einem negativen Ergebnis kommen dürfen. Im Idealfall sind der Studienaufbau, die Gestaltung, die Durchführung, die Probandenzahl, die zu prüfende Substanz sowie die Substanzmenge, der Zeitraum und so weiter bei allen hundert Studien identisch.

Da jedoch der Aufwand für hundert Studien zu demselben Präparat extrem groß ist, wird eine solche Prüfsituation mittels statistischer Rechenverfahren „simuliert“. Um zu statistisch relevanten Ergebnissen zu gelangen, ist es wichtig, dass die Anzahl der Probanden in den wenigen Studien, die per Statistik auf hundert Studien „aufgeblasen“ werden sollen, ausreichend hoch ist. Ist dies der Fall, wird davon ausgegangen, dass das neue Medikament wirksam ist und eine Veröffentlichung wird folgen.

John P. A. Ioannidis von der Universität Ioannina – vom „Tufts-New England Medical Center“ und von der „Tufts University School of Medicine“ in Boston, Massachusetts – behauptet, dass die meisten publizierten Forschungsergebnisse gefälscht sind, da der Auftraggeber einer Studie positive Resultate erwartet, denn nur solche lassen sich für das Marketing des Produkts nutzen. Aus diesem Grund ist die Versuchung groß, die Studie entsprechend zu manipulieren. In der ARD-Reportage „Gefährliche Glückspillen – Milliardenprofite mit Antidepressiva“ wird dokumentiert, wie es dadurch zu katastrophalen Gesundheitsschäden gekommen ist.

Nur jede achte Studie (12 Prozent) bringt zuverlässige, verwertbare Aussagen. Wir Ärzte sollten daher gegenüber den von den Pharmavertretern vorgelegten Studien, die uns auf die Neuheit und die überragende Wirksamkeit eines Medikamentes oder eines Impfstoffes hinweisen, äußerst skeptisch sein. Pharmakonzerne sind begreiflicherweise vornehmlich nicht am Wohlergehen der Patienten interessiert, sondern am Umsatz.

Laut Wolfgang Becker-Büser, dem Herausgeber des unabhängigen „Arznei Telegramms“ (AT), sind 90 Prozent aller Studien in irgendeiner Form manipuliert. Wenn Daten in Erhebungen fehlen, werden die Lücken nicht selten mit hochgerechneten Daten aufgefüllt.¨

 

Zur Statistik

Viele Studien geben Anlass zur Kritik – sie wurden verfälscht, schlecht geplant oder nachlässig beziehungsweise über zu kurze Zeitspannen durchgeführt, wie zum Beispiel die Impfstudien zur Schweine-Influenza im Jahre 2009.

Bei der Auswertung von Studien neigen Biostatistiker dazu, die Erwartungen ihrer Auftraggeber zu erfüllen. Bereits die Nobelpreisträger Robert Koch und Louis Pasteur haben ihre Forschungsergebnisse so verändert, dass ihre Theorien durch sie bestätigt wurden. Hans Hermann Dubben und Hans-Peter Beck-Bornholdt haben mehrere Bücher über statistische Verfahrensweisen veröffentlicht.

In der naturwissenschaftlichen, der klinischen sowie der medizinischen Forschung wird die Statistik unterschiedlich angewendet. In der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung ist die Statistik ein Hilfsmittel, mit dem untersucht wird, ob eine statistische Relevanz zwischen verschiedenen Ergebnissen besteht. In der medizinischen Forschung dagegen werden vorab Zusammenhänge zwischen chemischen Substanzen und Erkrankungen postuliert, danach versucht man, diese mithilfe von Statistiken zu verifizieren.

So werden zum Beispiel bei einem zu testenden Impfstoff die Antikörper gemessen, die jedoch kein Garant für einen Schutz sind.

Zur Reproduzierbarkeit

Pharmazeutische Studien, die nicht auf neutralen Analysen basieren, zeigen zwar häufig die gewünschten Resultate, doch wenn sie nicht reproduzierbar sind, gelten sie nicht als wissenschaftlich bewiesen. Reproduzierbarkeit ist die wichtigste Grundlage der Wissenschaft. Nicht reproduzierbare Studien gehören somit zu den größten Problemen – wie bereits „Medical Online“ berichtete. Von 53 vielversprechenden Studienergebnissen stellten sich einmal ganze 47 als nicht reproduzierbar heraus.

Der Schweizer Arzt Reto Obrist, Onkologe und Aufsichtsrat der Medikamentenzulassungsbehörde Swissmedic, schrieb im Tagesanzeiger vom 15. Juli 2015, dass „klinische Studien an Patienten falsch und nicht reproduzierbar“ seien, der Schweizer Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel sagte einmal, seine eigene Forschung spiegele lediglich den „aktuellen Stand des Irrtums“ wider. Die Auswirkungen fragwürdiger Studien sind teilweise verheerend.

Die Methoden, mit denen Ärzte dazu gebracht werden, unsichere Arzneien zur Behandlung ihrer Patienten einzusetzen – zum Beispiel persönliche Vertreterbesuche der einzelnen Firmen oder finanzielle Zuwendungen und Hilfsleistungen – lassen sich am besten mit dem Begriff „aggressives Direktmarketing“ beschreiben. Details dazu finden Sie in dem Buch „Nebenwirkung: Tod“ von John Virapen.

Die medizinische Wissenschaft auf Abwegen?

Die Wissenschaft – vor allem die medizinische Wissenschaft – befindet sich offensichtlich auf Abwegen. Die Vertreter der „medizinischen Wissenschaft“ werden nicht müde zu betonen, wie viel Wert sie auf Transparenz und Reproduzierbarkeit in der Wissenschaft und der Forschung legen. Diese wichtigen Kriterien werden jedoch in der Praxis oft missachtet. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt im akademischen System. Qualitativ gutes Arbeiten, Transparenz und Reproduzierbarkeit werden im Allgemeinen weniger geschätzt und honoriert als innovatives und quantitatives Arbeiten.

Veröffentlichungen über positive und ungewöhnliche Resultate von Studien in einer Fachzeitschrift mit hohem Impaktfaktor erhalten bei Universitäten besonders hohe Anerkennung, die fachliche Qualität spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Dazu der Chefredakteur von Lancet, Richard Horton: „Die Wissenschaft hat sich der dunklen Seite zugewandt.“ – „Wir begünstigen die schlimmsten Verhaltensweisen.“ Alles in allem keine vertrauenerweckende Situation.

Nach den aktuell gültigen Ansichten ist Wissenschaft „zum einen die Gesamtheit des begründeten und überprüfbaren Wissens, das zu einer bestimmten Zeit in der Menschengemeinschaft als gesichert und irrtumsfrei gilt, zum anderen die Tätigkeit des Menschen, begründetes, überprüfbares, irrtumsfreies, nachvollziehbares Wissen zu erarbeiten und wieder infrage zu stellen (Forschung), dieses Wissen einschließlich seiner Grundlagen sowie den Weg zu diesem festzuhalten (Dokumentation) und es an Studierende zu vermitteln (Lehre).“

Evidenzbasierte Medizin

In den letzten zwanzig Jahren hat die evidenzbasierte Medizin zunehmend an Bedeutung gewonnen, denn sie bietet „den Ärzten wissenschaftlich abgesicherte praxisbezogene Erkenntnisse und Leitlinien.” Außerdem evaluiert die „EbM systematisch die publizierte medizinischen Literatur, um die tatsächliche Wirksamkeit von Therapien und Maßnahmen in Medizin herauszufiltern.“ Mit der evidenzbasierten Medizin soll sichergestellt werden, dass ausschließlich sinnvolle und abgesicherte therapeutische Maßnahmen Eingang in das medizinische Handeln und in die Hochschulmedizin finden.

Ein gutes Beispiel für evidenzbasierte Medizin finden wir in der Geschichte der Medizin im 19. Jahrhundert. Der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis (1818 bis 1865) handelte gemäß der evidenzbasierten Medizin, als er zuerst in seiner klinischen Tätigkeit, später in seinen Vorträgen und Schriften die „systematische klinische Beobachtung die Hygiene betreffend“ forderte, was von der damaligen Gesellschaft und von seinen Kollegen zunächst nicht verstanden und daher abgelehnt wurde. Semmelweis setzte durch, dass sich die Ärzte in seiner Abteilung die Hände desinfizierten mussten, bevor sie nach einer Tätigkeit in der Pathologie zu den werdenden Müttern in den Kreißsaal gingen, um sie bei der Entbindung zu unterstützen. Diese einfache Maßnahme bewirkte, dass die damalige Sterblichkeit der Mütter im Kindbett daraufhin innerhalb eines Jahres von etwa 15 bis 30 Prozent auf circa 1,2 Prozent zurückging. Seine Annahme, dass die Sterblichkeit mit den verschmutzten Händen der Ärzte zu tun hatte, wurde hierdurch eindeutig bewiesen, war also evidenzbasiert.

 

Erfahrung = Empirie

Der Erfahrung sollte höchste Priorität beigemessen werden. Sie ist sowohl im Positiven wie auch im Negativen entscheidend für die Gesundheit beziehungsweise die Gesundung von Patienten. Wir sollten immer unseren gesunden Menschenverstand benutzen und uns an den lateinischen Spruch „Sapere aude“ halten – in der Version von Immanuel Kant: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Die autoritär vorgetragenen Behauptungen von Lobbyisten der Pharmaindustrie oder von korrupten Ärzten klingen jedoch manchmal derart glaubwürdig, dass wir es oft nicht für nötig halten, sie zu hinterfragen.

In allen Bereichen der Medizin gibt es Irrwege, die jahre- und jahrzehntelang als Therapie angepriesen wurden. Ein Beispiel hierfür ist die „Eispickel-Methode“ des portugiesischen Arztes Egas Moniz, der dafür im Jahr 1949 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Bei manisch-depressiven Patienten führte Moniz eine circa zwanzig Zentimeter lange Nadel in den Schädel des Erkrankten ein und bewegte diese so lange hin und her, bis er meinte, genügend krankes Hirngewebe zerstört zu haben. Seine Methode wurde „Lobotomie“ genannt und galt bis in die Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts als Standardtherapie. Allein in den USA führten Ärzte diese barbarischen Eingriffe über 40.000-mal durch, worauf viele der so Behandelten in Apathie verfielen und die Fähigkeit, Gefühle auszudrücken, verloren. In dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ aus dem Jahr 1975 mit Jack Nicholson in der Hauptrolle wird dies eindrucksvoll gezeigt.

Ein weiteres tragisches Beispiel: Der Kinderarzt Benjamin Spock (1903 bis 1998) empfahl in den Fünfzigerjahren, Säuglinge nachts in Bauchlage zu drehen, da sie so besser schlafen würden. Erst 1988 werteten Forscher alle dazu vorliegenden Studien systematisch aus. Das Ergebnis: Bauchschläfer haben ein dreimal höheres Risiko, an plötzlichem Kindstod zu sterben, als Babys in einer anderen Schlafposition. Heute schätzt man, dass dieser ärztliche Rat Hunderttausenden von Kindern das Leben gekostet hat.

Was wäre zu berücksichtigen und zu erforschen? Information? Energie?

Auch die energetischen Effekte, die nicht in Zahlen messbar sind, können einen immensen Einfluss auf unsere Gesundheit und unsere Umgebung haben. Ein Beispiel hierzu ist der Doppel-Spalt-Versuch. Forscher haben herausgefunden, dass das Verhalten von Energie und Materie vom Bewusstsein des Beobachters gesteuert wird. Was jemand erwartet, bestimmt demzufolge, wie sich ein Quantenfeld verhält. Demzufolge haben unsere Gedanken und unser Glaube einen großen Einfluss auf unser energetisches Umfeld und auf unsere Gesundheit.

Damit ein Computer einwandfrei läuft, bedarf es einer Hardware, der Zuführung von Energie und einer richtigen Programmierung. Genauso verhält es sich mit unserer Gesundheit. Ein gebrochener Fuß entspricht einem Defekt der Hardware, Nahrungsmangel einem Stromausfall. Doch viele gesundheitliche Probleme sind analog zu schadhaften Computerprogrammen auf fehlgeleitete Energien sowie falsche Informationen in unserem Körper und nicht auf physikalische Ursachen zurückzuführen. Bei der Therapie dieser Störungen müssten deshalb vor allen Dingen immaterielle Aspekte in Erwägung gezogen werden.

Zusammenfassung

Medizinische Wissenschaft ist in erster Linie Empirie, also Erfahrung. Im Sinne eines ganzheitlichen Gesundheitsverständnisses und der daraus abgeleiteten Heilmethoden wäre es zu begrüßen, wenn informative Behandlungsweisen – wie die traditionelle chinesische Medizin, Ayurveda, Akupunktur oder die Homöopathie – intensiver erforscht und in die universitäre Medizin einbezogen würden. Die heutigen wissenschaftlichen Studien sollten jedenfalls nie ohne Vorbehalt anerkannt werden, da viele nicht der Wahrheit, sondern den Vorgaben der Auftraggeber entsprechen.

Dr. Jenö Ebert, Facharzt für innere Medizin

Artikel erschienen im IMPULS Magazin Nr. 2/16