Der kranke Neoliberalismus macht uns krank

Der Neoliberalismus macht einsam und krank. Das zeigen jüngste Erhebungen zu psychischen Störungen bei Kindern. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, denn gerade Kinder sind die Zukunft unserer Gesellschaft.

Immer mehr Mitbürger leiden unter Angststörungen, Stress, Depressionen, sozialen Phobien, Suizidgedanken, Schlafstörungen, Essstörungen, Einsamkeit oder dem Zwang, sich selbst körperlich zu verletzen. In anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Die jüngsten Zahlen über die psychische Gesundheit von Kindern in England geben ein erschreckendes Bild.  

Über die Gründe wird vielfach gerätselt und in allen Richtungen gesucht. Der Mensch ist im Prinzip kein Einzeltier, vielmehr ist er auf die „Herde“ angewiesen – damit ist nicht in erster Linie die kirchliche Herde gemeint. Er braucht den sozialen Kontakt wie die Luft zum Atmen. Die Menschheit wird aber zunehmend auseinanderdividiert. Das altrömische Prinzip „Teile und herrsche“ funktioniert immer besser, zumindest aus der Sicht der Manipulatoren. Die Präsidentschaftswahl 2016 in den USA ist ein aktuelles Beispiel dafür. Individualismus ist in, Gruppenaktivitäten sind out.

Grundsätzlich ist jeder Mensch seines Glückes Schmied. Aber der Konkurrenzdruck im Job wird von Jahr zu Jahr stärker, da immer mehr Menschen immer weniger Stellen hinterherjagen. Über 50 Prozent haben ihren Job bereits innerlich gekündigt. Auch die Medien spielen in diesem Konkurrenzspiel eine große Rolle. Im Fernsehen gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Kochwettbewerben und niveaulosen Castingshows. In Letzteren werden völlig unrealistische Erwartungen geweckt, wodurch die Zuschauer noch mehr individualisiert werden.

Die stetig wachsende soziale Lücke wird mit Konsum gefüllt, nach der Devise „immer mehr, immer billiger, immer höher, immer besser und immer isolierter“. Die sozialen Medien bringen uns zusammen und trennen uns gleichzeitig voneinander, nicht zuletzt dadurch, dass sie uns ermöglichen, unser soziales Ansehen genau zu quantifizieren. Auf diese Weise verstärken sie den Hang, unseren sozialen Status zu vergleichen. Sie zeigen uns zum Beispiel, dass andere mehr „Freunde“ und „Follower“ haben als wir. Das Aussehen auf den Profilfotos wird so manipuliert, dass Mädchen oder Frauen schlanker aussehen, ganz zu schweigen von den Gesichtskorrekturen mittels Photoshop.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr junge Frauen an psychischen Störungen leiden. Eine neue Studie aus England zeigt, dass sich bereits jede vierte Frau zwischen 16 und 24 Jahren schon einmal selbst zum Beispiel durch Ritzen verletzt hat und rund 12 Prozent von ihnen an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Ängste, Depressionen, Phobien oder Zwangsstörungen fanden sich bei rund 26 Prozent der befragten Frauen.[1]

Der Mensch ist jedoch nicht nur ein Herdenwesen, sondern auch ein „Kuschelmonster“. Vor allem Kinder brauchen die Berührung, die Nähe, die Zuneigung und die Wärme anderer Menschen. Mit das Schlimmste, was einem Kind angetan werden kann, ist der Entzug von Liebe und Geborgenheit. Die sozialen Schmerzen und die körperlichen Schmerzen werden von denselben Schaltkreisen im Gehirn verarbeitet.[2] Das ist der Grund dafür, warum wir unsere Kinder in den Arm nehmen und sie trösten sollten, wenn sie sich wehgetan haben. Liebevolle Zuwendung ist ein höchst wirkungsvolles Mittel gegen Schmerzen.

Dazu gibt es aufschlussreiche Experimente[3]:

„Stellt man soziale Säugetiere vor die Wahl zwischen körperlichen Schmerzen und sozialer Isolation, entscheiden sie sich für Ersteres. Kapuzineraffen, die 22 Stunden lang nichts zu essen bekamen und gleichzeitig in Isolation gehalten wurden, gingen, bevor sie ihren Hunger stillten, zu ihren Artgenossen.“

In der freien Natur überleben Tiere in einem Rudel länger als Tiere, die als Einzelgänger unterwegs sind. Letztere sind eine leichtere Beute oder sie verhungern.

Überraschend ist, dass „nur“ emotional vernachlässigte Kinder schwerere gesundheitliche Schäden davontragen als Kinder, die außerdem geschlagen werden. So grausam und verabscheuungswürdig die körperliche Züchtigung von Kindern auch ist, so ist sie doch immerhin eine Form von Aufmerksamkeit und Kontakt. Meinen Kindern sagte ich manchmal, dass sie froh sein können, wenn ich einmal mit ihnen schimpfe, denn das beweise, dass sie mir wichtig sind. Die brutalste Bestrafung für Kinder ist die völlige Missachtung, die künstliche Isolation. Auch im Strafvollzug gilt die Isolationshaft als die härteste Strafe.

Demenz, Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Hirnschläge, verringerte Widerstandskraft gegen Viruserkrankungen und sogar Unfälle kommen besonders häufig bei chronisch einsamen Menschen vor. Deren Lebenserwartung ist um etwa 26 Prozent verkürzt. Dies liegt an der vermehrten Ausschüttung des Hormons Cortisol, das zu Stress führt und eine unterdrückende Wirkung auf das Immunsystem hat.

Oft versuchen einsame Menschen, ihre Isolation durch Süchte zu kompensieren, zum Beispiel durch die Esssucht. Daher ist es nicht überraschend, dass ein Zusammenhang zwischen Einsamkeit, einem geringen ökonomischen Status und Adipositas besteht.

Fazit

Offensichtlich läuft in unserer Gesellschaft etwas grundsätzlich falsch. Es braucht neue Ansätze, um solche Probleme ursächlich anzugehen. Die Politik ist machtlos, die Behörden wollen oder dürfen nicht wirklich diesbezüglich aktiv werden und die Wirtschaft hat kein Interesse an einer selbstständigen und freien Arbeiterklasse.

Vor allem der unmenschliche Neoliberalismus, bei dem es darum geht, so viel Umsatz und Gewinn wie möglich erzielen und dabei so wenig wie möglich in die Menschen zu investieren, ist für die zunehmende Vereinsamung und die damit zusammenhängenden psychischen Probleme verantwortlich.

Der britische Journalist und Umweltschützer George Monbiot fasst diese Problematik sowie einen durchaus realistischen Lösungsansatz folgendermaßen zusammen:

Dies erfordert keine politische Reaktion. Es erfordert etwas sehr viel Größeres: die Neubewertung einer kompletten Weltsicht. Von all den Hirngespinsten, die Menschen haben, ist die Vorstellung, dass wir es alleine schaffen können, die absurdeste und vielleicht die gefährlichste. Entweder wir stehen zusammen oder wir gehen unter.[…] Warum machen wir bei diesem umwelt- und selbstzerstörerischen Wahnsinn mit? Sollte diese Frage nicht jedem, der am öffentlichen Leben teilnimmt, auf den Lippen brennen?

Wir haben es in der Hand, dagegenzusteuern, indem wir wieder den direkten Kontakt zu den Mitmenschen suchen, in Vereinen tätig werden oder ein Ehrenamt übernehmen. Auf dem Land ist die Isolation im Allgemeinen nicht so groß wie in den Städten, aber auch dort nimmt sie zu.

Was die eigenen gesundheitlichen Entscheide betrifft, zum Beispiel in Bezug auf das Impfen, sieht man ähnliche Erscheinungen: Als Nichtimpfer wird man von den Impfern häufig ausgeschlossen und umgekehrt.

Im Umgang mit Impfbefürwortern sollten wir nicht vergessen, dass die meisten von uns auch einmal vom Sinn und der Notwendigkeit von Impfungen überzeugt waren. Deshalb haben wir keinen Grund, auf Impfbefürworter herabzusehen oder sie gar zu verunglimpfen. Schließlich ist es nicht allein unser Verdienst, dass uns so großartige Menschen wie Dr. Gerhard Buchwald oder Dr. Johann Loibner über den Irrsinn des Impfens die Augen geöffnet haben.

Wir haben allen Grund, dafür dankbar zu sein, und sollten uns nicht dazu verleiten lassen, in jedem Impfbefürworter einen Feind zu sehen, der zu bekämpfen ist. Vielmehr sollten wir ihn als Mitmenschen betrachten, der unter anderem durch die jahrzehntelange Propaganda der Pharmaindustrie in die Irre geführt wurde und der Anspruch auf unseren Respekt hat.

Jedenfalls sollten wir uns nicht auf fruchtlose Diskussionen mit Impffanatikern einlassen, denn das würde nur dazu führen, dass diese in ihren Irrtümern über das Impfen bestärkt werden. Mein Lieblingszitat dazu stammt von Max Frisch: „Man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen.“

Wer nicht die innere Stärke hat, Andersdenkenden auf Augenhöhe zu begegnen, der sollte sich auf Kontakte mit Gleichgesinnten beschränken und sich mit diesen austauschen. Diese Menschen sind überall vorhanden, sie müssen „lediglich“ gefunden werden.         

Daniel Trappitsch

Artikel erschienen im IMPULS Magazin Nr. 5/17

 

[1] https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2016/sep/29/self-harm-ptsd-and-mental-illness-soaring-among-young-women-in-england-survey

[2] http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ejsp.837/abstract

[3] http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0031938416305583